Die Kunst des guten Zuhörens

Eine Erkenntnis hat mir mehr geholfen als alle Tipps über gelingende persönliche Gespräche oder zuhören. Aus zahlreichen Büchern, Vorträgen und Trainings wusste ich: Willst du deinem Gegenüber zeigen, dass du zuhörst und verstehst, was er oder sie sagt, dann solltest du viel nicken und lächeln, wenn es gerade passt, als Zeichen der Aufmerksamkeit. Kurze leise Laute wie „Aha“, Hm-h“ oder „Ja“ äußern. Und als Krönung: In eigenen Worten wiedergeben, was gesagt worden ist. Oder es zusammenfassen. So oder so ähnlich lauten die meisten Ratschläge zum Thema gute persönliche Kommunikation. Vergiß sie. Alle.

Also nicht nicken?

Heißt das, ein guter Zuhörer soll still da sitzen und warten bis das Gegenüber fertig ist mit sprechen? Das genügt leider auch nicht. Denn bei einem echten Gespräch geht es um viel mehr als um den Austausch von Argumenten. Oder auszuhalten, bis man selbst endlich wieder sprechen darf. Es geht darum, den anderen wirklich verstehen zu wollen und Neues zu erfahren.

Wer beim Zuhören nur die Bestätigung der eigenen Erwartungen und Meinungen sucht, wird viel verpassen.

Der größte Fehler ist, zu meinen, wir verstehen, was der andere meint, wenn er oder sie spricht. Selbst wenn wir alle mehr oder weniger die gleichen Wörter gebrauchen, verbindet doch jeder mit jedem gesprochenen Wort ganz individuelle, persönliche Erlebnisse, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken. Unsere Sprache drückt unsere Sicht auf die Welt aus. Und wie wir die Welt wahrnehmen, ist einzigartig. Diese Erkenntnis ist schwer zu verdauen. Niemand nimmt die Welt ganz genauso wahr wie ich. Denn niemand ist in der gleichen Familie aufgewachsen wie ich, den gleichen ersten Job gehabt, ist genaue denselben Menschen auf die genau gleiche Weise begegnet. Niemand hat genau das selbe erlebt wie ich und dem Erlebten dieselbe Bedeutung gegeben. 

Es geht nur um den, der spricht

Bei einem Gespräch geht es darum, sich aufeinander zuzubewegen, das Bekannte hinter sich zu lassen und Neues zu entdecken. Also müssen wir uns in einem Gespräch wohl oder übel die Mühe machen und dem Menschen gegenüber mitteilen, wie wir die Welt erleben und was wir genau meinen, wenn wir bestimmte Wörter gebrauchen. Niemand sonst kann wissen, welches Gefühl wir haben, wenn wir so etwas wie „gut zusammenarbeiten“ sagen.  Und welche Erlebnisse wir dabei im Hinterkopf haben. Oder welcher Film sich vor unserem inneren Auge abspielt. Für den guten Zuhörer heißt das: Frag nach!  Beim Zuhören geht es nur um den, der spricht, und eben nicht um den Zuhörer. Es geht nicht darum, wie ich als Zuhörer die Welt sehe. Was ich erlebt habe und mit dem Gesagten verbinde. Drum geht es später. Wenn der andere zuhört und ich spreche. Jetzt höre ich nur zu.

Besuche in einer anderen Welt

Zuhören heißt auch, nicht zu bewerten, was gesagt wird. Nimm es an, als das, was es ist: Eine Aussage darüber, wie der andere die Welt sieht. Höre zu mit der Haltung, verstehen zu wollen wie die Welt des anderen aussieht. Und nicht, um zu antworten. Und wenn das Gesagte auch noch so deinen eigenen Werten widerspricht, lass es ohne Bewertung stehen. Du besuchst den anderen in seiner Welt. Und die willst du doch kennenlernen, um Gemeinsamkeiten und Unterscheide zu entdecken. Oder weshalb sprecht ihr miteinander?

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