Introvertierte können hervorragende Führungskräfte sein

Diese Eigenschaften machen introvertierte Menschen zu hervorragenden Führungskräften

Bei Führungskräften denken wir meist an den Typ schneller Bauch-Entscheider, der gerne im Mittelpunkt steht und über ein großes Netzwerk verfügt. Alles eher extrovertierte Eigenschaften. Ich sage: Auch introvertierte Menschen können hervorragende Führungskräfte sein. Sie verfügen über Wesensmerkmale, mit denen sie wie geschaffen sind für eine komplexe und unvorhersehbare Arbeitswelt, in der es um Kooperation, Kreativität und Moderation geht. 

Unsere Vorstellungen davon welche Eigenschaften ein Mensch haben sollte, dem wir diese verantwortungsvolle Aufgabe zutrauen, sind oft ziemlich gleichförmig und einseitig. Demnach trifft eine Führungskraft schnelle, oft auch harte Entscheidungen, hat ein gutes Urteilsvermögen und macht deutliche Ansagen. Eine Führungskraft trägt Verantwortung für etwas größeres. Sie geht voran und weist den Weg. Und sie ist sehr engagiert, arbeitet lange und hart, steht gerne im Mittelpunkt, ist energiegeladen und hat großes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Introvertierte Menschen werden schnell übersehen

Die meisten dieser Eigenschaften richten sich an einem sehr traditionellen Führungsverständnis aus. Und das Entscheidende hier: Wir verbinden sie alle mit eher extrovertierten Menschen. Ihnen gelingt es leichter als anderen, Gruppen hinter sich zu versammeln und sie anzuführen. Genau daraus beziehen sie ihre Energie. Ihr Verhalten verspricht Sicherheit und Orientierung. Und weil wir Menschen nun mal soziale Wesen sind, folgen wir solchen Führungskräften gerne. Bisher.

Daraus nun aber zu schließen, dass eher introvertierte Menschen keine guten oder zumindest schlechtere Führungskräfte seien, ist falsch. Trotzdem werden sie bei der Besetzung von Führungspositionen öfter mal übersehen.

Mir geht es nicht darum, extrovertierte und introvertierte Menschen gegeneinander auszuspielen. Beide haben Eigenschaften, die sie zu guten Führungskräfte machen. Ich möchte den Blick dafür schärfen, dass Gleichförmigkeit in Unternehmen selten gut tut. Es lohnt sich bei der Auswahl und Förderung von Führungskräften auch diejenigen zu bedenken, die uns nicht zuerst in den Sinn kommen. Diejenigen, die nicht so gerne im Mittelpunkt stehen, nicht zu vielen Themen schnell eine Meinung äußern und nicht gleich mit jedem smalltalken, der ihnen über den Weg läuft.

Erstaunlicherweise belegen Umfragen und Studien, dass sich rund 30-40 Prozent der Führungskräfte als eher introvertiert bezeichnen. Trotzdem empfinden deutlich mehr Führungskräfte introvertierte Eigenschaften als wenige hilfreich, wenn es um Führung geht. Sie haben sich in ihrem Verhalten einem Ideal angepasst, das ihrer eigentlichen Natur nicht entspricht.

Das ist nicht nur unglaublich anstrengend, sondern eigentlich auch gar nicht nötig.

Introvertierte Menschen haben viele Eigenschaften, die sie zu hervorragenden Führungskräften machen – die jedoch oft übersehen werden:

1.Introvertierte sind ausgezeichnete Zuhörer

Eher introvertierte Menschen tun sich oft schwer mit Smalltalk. Das heißt nicht, dass sie ungesellig sind und den Kontakt mit anderen Menschen oder Gespräche meiden. Wir bevorzugen es nur, tiefer in ein Thema einzutauchen, als es beim Smalltalk üblich ist.

Im intensiven 1:1-Gespräch kommt eine unserer Stärken sehr gut zur Geltung, die Mitarbeiter*innen bei vielen Führungskräften vermissen: Wir sind sehr gute Zuhörer. Wir stellen uns selbst nicht so sehr in den Mittelpunkt, sondern wollen verstehen, was unser Gegenüber erlebt hat, denkt, fühlt und uns mitteilen möchte. Deswegen stellen wir oft interessierte Fragen und hören den Antworten aufmerksam zu. Das ist nicht nur sehr wertschätzend, sondern wir gewinnen so auch ein ziemlich umfassendes Bild von etwas . Keine schlechte Eigenschaft für eine Führungskraft, finde ich.

2.Introvertierte nehmen sich Zeit zum Denken

Vor allem in größeren Gruppe, also bei Besprechungen, Tagungen und Konferenzen, sieht es manchmal so aus, als hätten Introvertierte nichts zu sagen. Sie beteiligen sich vielleicht nicht erkennbar am laufenden Gespräch, bleiben zurückhaltend und hören vor allem zu (siehe oben!).

Haben wir nichts zu sagen? Oh doch! Dass wir nicht gleich jede Atempause nutzen, um unsere Gedanken zu einem Thema zu äußern, liegt einfach daran, dass wir erst dann sprechen (können), wenn wir gründlich darüber nachgedacht haben. Vorher ist es einfach nicht möglich, etwas gehaltvolles zu sagen.

Umgekehrt heißt das: Wenn ein eher introvertierter Mensch sich in einem Gespräch zu Wort meldet, dann hat das, was er oder sie sagt, meist Hand und Fuß und liefert einen wertvollen Beitrag zum Thema. Es ist meist gut durchdacht, berücksichtigt nahezu alle Aspekte und hat Argumente gut abgewogen. Oft beleuchten introvertierte Menschen ein Thema aus verschiedenen und oft unerwarteten Perspektiven, denn sie sind kreativ und geübt Themen zu verknüpfen.

Damit diese wertvollen Beiträge der Gruppe nicht entgehen, könnten Moderator*innen darauf achten, dass Redezeiten ausgewogen verteilt sind und auch introvertierte Menschen die Chance haben, ihre Gedanken zu äußern.

3.Introvertierte lösen Probleme gründlich und ohne Hast

Lösungen für komplexe Probleme zu finden – oder den Rahmen für deren Lösung zu gestalten – ist eine der Schlüsselaufgaben guter Führung. Introvertierte sind meist effiziente und intensive Denker, die über ein hohes Abstraktionsvermögen verfügen. Wenn sie Entscheidungen treffen, dann sind diese gut durchdacht und beruhen oft auf kreativen und ungewöhnlichen Lösungen.

Zugleich geben sich Introvertierte selten mit mittelmäßigen Lösungen zufrieden, sondern streben nach der besten. Solange also gewichtige Einwände oder Vorbehalte gegen eine Lösung bestehen, wird eine introvertierte Führungskraft diese versuchen auszuräumen, anstatt sie mit einer Entscheidung zu ignorieren oder zu überstimmen. Es kann also sein, dass die Entscheidung einer eher introvertierten Führungskraft mehr Zeit in Anspruch nimmt – aber die Qualität der Lösung kann die der oft hastig und unüberlegt getroffenen Bauchentscheidung übersteigen.

Unternehmen könnten enorm davon profitieren, wenn sie bei der Auswahl und Entwicklung ihrer Führungskräfte mehr als bisher darauf achten, dass nicht nur diejenigen zum Zug kommen, die sich gut vermarkten und gerne im Mittelpunkt stehen, sondern auch diejenigen am Rande des Scheinwerferlichts.

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